Geburtserlebnisse aus unserem Geburtshaus
"Heute kommt das Kind bestimmt nicht mehr ...",
sagte ich nachmittags um kurz nach vier Uhr am Telefon zu meiner Freundin. Zwar wäre es allmählich an der Zeit gewesen, der Geburtstermin war seit neun Tagen verstrichen, aber die leichten Wehen am Morgen und am frühen Nachmittag hatten zu meinem Unmut von allein wieder aufgehört. Und so dachte ich mir nicht allzu viel dabei, als mein Bauch wieder hart wurde, kaum dass ich den Hörer aufgelegt hatte. Außerdem waren die Wehen nicht regelmäßig, mal dauerten die Abstände drei Minuten, dann wieder ließ die nächste Wehe zwanzig Minuten auf sich warten, so dass ich zwischenzeitlich die Hoffnung auf eine baldige Geburt schon wieder aufgegeben hatte.
Als mein Mann von der Arbeit kam, betrachtete er mich etwas nachdenklich, wie ich auf dem Bettrand saß und eine Wehe veratmete. "Willst du nicht langsam mal Marina anrufen?"
Das hielt ich eigentlich noch nicht für erforderlich, schließlich kann man in allen Ratgebern lesen: Rufen Sie die Hebamme, wenn die Wehen regelmäßig alle zehn Minuten kommen. Das einzig Regelmäßige hier waren die Blicke meines Mannes. Und so beobachtete ich zusammen mit meinem Sohn das Eichhörnchen im Garten (und musste mich an der Fensterbank abstützen), las ein Pixibuch vor (und atmete dabei sehr konzentriert), räumte ein paar Babysachen in die Tasche (und drückte die Hand meines Mannes), sah das Eichhörnchen zur Eiche herüberturnen (und riss auf dem Weg zum Fenster beinahe meinen Mann zu Boden, an dem ich mich hastig festklammerte, weil mich eine ziemlich heftige Wehe nach nur eineinhalb Minuten völlig unplangemäß überraschte).
"Vielleicht solltest du doch Marina anrufen?" Wir mussten lachen.
Warum wir ins Geburtshaus wollten
Ich lernte Marina kennen, als meine Schwangerschaftsübelkeit sich Akupunktur, Ingwertee und Druckpunkt-Armband hartnäckig widersetzte und meine Hebamme mir eine Kollegin empfahl, die mit Ohr-Energetik arbeite. Zunächst war ich noch etwas misstrauisch, wenn Nadeln nicht helfen, dann wohl auch keine Ohrmassage, doch schon bald schätzte ich die wunderbare Wirkung von Marinas Ohr-Akupressur. Nach wenigen Behandlungen gehörte die Übelkeit der Vergangenheit an und ich fühlte mich insgesamt wohler und hatte mehr Energie. Marina war mir vom ersten Besuch an sympathisch. Mein Mann fragte neugierig, was wir machen würden, er höre uns ständig lachen. Ich dachte: "Mit ihr das Kind zur Welt bringen, das wär's." Schon bei der Geburt meines Sohnes erschien es mir nicht richtig, einen so intimen Moment mit mir unbekannten Menschen zu teilen.
Dann erzählte Marina von ihrem langjährigen Traum, einen Ort zu schaffen, an dem Frauen ihre Kinder in Würde und Achtsamkeit gebären können und der nun mit der AnderWelt Wirklichkeit geworden war. Ich war fasziniert, schließlich nagte an mir ein Geburtserlebnis ganz andere Art. Meinen Sohn hatte ich drei Jahre zuvor nach 24 Stunden Wehen in der Klinik zur Welt gebracht, Schmerzmittel und gegen meinen Wunsch eine PDA bekommen und einen Dammschnitt über mich ergehen lassen müssen. Ich hatte den Eindruck, in eine medizinische Maschinerie geraten und zu einem Fall geworden zu sein, der nun nach einem bestimmten Schema abgearbeitet wurde. Am Tag der Geburt wurde ich von insgesamt acht verschiedenen Personen untersucht und behandelt. Ich fühlte mich maßlos an Körper und Seele verletzt.
Als die Krankenschwester am nächsten Morgen die Tür aufriss und ihrer Kollegin beim Schichtwechsel mit Fingerzeig auf mich mitteilte, das sei eine ganz normale Geburt gewesen, wäre ich am liebsten aus dem Bett gesprungen und hätte wenig nette Dinge gesagt, wenn ich denn hätte aufstehen können.
Wenn das eine normale Geburt gewesen war, wollte ich keine zweite erleben. Nun wollten wir es nicht bei einem Einzelkind belassen, vielmehr hatten wir uns schon immer eine Familie mit mehreren Kindern gewünscht. Zehn Monate Schwangerschaft sind lang und zumindest am Anfang kann man die Tatsache, dass das Kind den Bauch irgendwann verlassen muss, erfolgreich verdrängen. Und nun sollte es bald wieder so weit sein! Ich fragte mich, wie um Himmels Willen ich mich wieder in so eine Situation bringen konnte.
Marina sagte, ich solle mich fragen, was ich für diese Geburt wolle und wo ich das bekäme. Ich wusste viel eher, was ich nicht wollte (siehe oben), aber Marinas begeisterte Schilderungen der AnderWelt waren auf fruchtbaren Boden gefallen. Würde und Achtsamkeit, das Kind gebären statt entbunden zu werden. Das wollte ich auch!
Infoabend in der AnderWelt
Die Atmosphäre dieses besonderen Ortes beeindruckte uns sehr. Keine Spur klinisch steril, sondern ein wohnliches Haus, das den Besucher mit warmen Farben und zweckmäßiger, liebevoll gestalteter Einrichtung empfängt. Wir saßen zusammen mit anderen Interessierten oben in der Küche und hörten Ulrike und Marina mit wachsendem Erstaunen zu. Zwar war uns das Konzept der AnderWelt durch Marinas Besuche im Wesentlichen bereits bekannt, doch dann sagte sie: "Hier oben in der Küche feiern wir dann die Geburt des Kindes, denn das ist der Geburtstag." Geburtstag feiern, wenn ich nicht mal mit dem Kopf nicken kann, ohne dass mir schwindelig wird?! In den Tagen nach der Geburt meines Sohnes hatte ich mich angesichts der vielen Gratulationen gefragt, ob zumindest auf meiner Seite "Gute Besserung" nicht ebenso angebracht sei wie "Herzlichen Glückwunsch".
Das als Wellness-Oase bezeichnete Badezimmer war wunderschön anzusehen mit dem Himmel über der großen Wanne, mit den Grünpflanzen und den Lichtern überall. Doch mir war klar, wenn ich jemals in dieser Wanne liegen würde, dann mit Wehen, zu denen meiner Erfahrung nach Wellness ungefähr so gut passt wie die Kuh zum Segelfliegen. War das alles hier etwa nur ein Zuckerstückchen, das eine bitter schmeckende Medizin etwas erträglicher machen sollte? Ich beneidete eine Schwangere, die ihr erstes Kind erwartete, ganz locker und entspannt an die Sache heranging und sich im Geiste schon in der Badewanne sitzen sah. Auf dem Heimweg hätte ich weinen können.
Zweifel
Das alles klang viel zu schön, um wahr zu sein. Ich stellte Marina viele Fragen, wie zum Beispiel die nach dem Dammschnitt, und bekam geduldig Antwort. Wie erleichtert war ich, als Marina mir mitteilte, dass sie solch eine Schere zwar besitze, aber noch nie benutzt habe und auch nicht vorhabe, dies zu tun. Manchmal gab es auch einen Bericht von einer Geburt (eine Traumgeburt, drei Stunden von der ersten bis zur letzten Wehe), doch statt dass dies meine Zweifel zerstreute, entstand in mir ein Gefühl von Unzulänglichkeit. Warum hatte ich nicht geschafft, was anderen Frauen offenbar so einfach und selbstverständlich gelang? Und wie sollte so eine Geburt in der AnderWelt überhaupt laufen, wenn ich die Schmerzen nicht aushalten konnte und mich nachher zu schlecht fühlte, um aufzustehen?
Schon deshalb hatte ich bisher eher theoretisch mit dem Gedanken gespielt, ins Geburtshaus zu gehen. Es wäre so schön, aber ... Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass es möglich sein sollte, wenige Stunden nach der Geburt nach Hause zu fahren. Im Krankenhaus kann man im Bett liegen bleiben. - Im Bett liegen kann ich zu Hause auch, außerdem habe ich da meine eigene Dusche, kann essen, was mir schmeckt und muss mich nicht vom Fernsehprogramm meiner Zimmernachbarin berieseln lassen. Aber im Krankenhaus ist immer jemand in der Nähe, der bei Fragen und Problemen helfen kann. - Tatsächlich hatte es im Krankenhaus einmal sieben Stunden gedauert, bis ich wegen meiner Schmerzen eine Ärztin zu sprechen bekam und zu Hause würde Marina nach Bedarf kommen. Im Krankenhaus ist immer ein Arzt in der Nähe, der im Notfall gerufen werden kann. - Die nächste Klinik ist vom Geburtshaus aus in Minutenschnelle zu erreichen. Die Argumente schwirrten in meinem Kopf. Das Problem war, dass ich meinem eigenen Körper nach der ersten Geburt nicht mehr traute.
Marina hingegen schien den Verlauf der Geburt bereits im Voraus zu kennen. Als ich ihr von meinen Zweifeln und Ängsten berichtete, sagte sie, dieses Mal würde es ganz anders, schließlich sei es ein anderes Kind und ein anderer Geburtsort. Es würde etwa so ablaufen: "Du rufst mich an, sagst, du hast Wehen. Ich komme zu euch nach Hause, untersuche dich. Dann sage ich, jetzt wird es Zeit, ins Geburtshaus zu fahren und kurze Zeit später ist das Kind da." Es beeindruckte mich sehr, dass Marina eine Geburt als etwas Heiliges bezeichnete, in das man so wenig wie möglich eingreifen solle. So eine Geburt hatte ich mir immer gewünscht, aber für absolut unwahrscheinlich gehalten. Trotz meiner Zweifel war die AnderWelt der einzig akzeptable Ort für mich, um mein Kind zur Welt zu bringen. Zusätzliche Sicherheit gab mir die Studie der Qualitätsanalyse, in der die außerklinische Geburt durchweg gute Noten bekommt. Mein Mann war längst überzeugt, hatte aber noch auf mein Okay gewartet, da er mir die letztendliche Entscheidung überlassen wollte. Eine bessere Betreuung als in der AnderWelt konnte ich mir nicht vorstellen.
"Vielleicht nicht mehr heute, aber morgen ganz bestimmt",
sagte Marina. Eine dreiviertel Stunde nach dem Telefonat war sie zu uns nach Hause gekommen, hatte ein CTG geschrieben und mich untersucht. Kein Zweifel, nun wollte unser Kind zur Welt kommen. Die Wehen wurden kräftiger, mein Mann rief seine Mutter an, die auf unseren Sohn aufpassen wollte und Marina fuhr vor ins Geburtshaus, um alles vorzubereiten. Ich verstand die ausbrechende Eile nicht ganz, hätte gern noch geduscht, doch Marina hatte gemeint, hier würden wir jetzt nicht mehr anfangen, mit Wasser zu plätschern ... Ich hatte die Vorstellung im Kopf, die zweite Geburt dauere etwa halb so lange wie die erste, also hatten wir doch noch gut acht Stunden Zeit ... Zu diesem Zeitpunkt war mir noch nicht klar, dass sich Marinas Prophezeiung erfüllen würde und uns noch knapp eineinhalb Stunden blieben!
Die Oma traf ein, mein Mann warf hastig unsere Sachen ins Auto und dann machten auch wir uns auf den Weg nach Gütersloh. Vor dem Eingang der AnderWelt brannte eine Kerze im großen Windlicht, Marina wartete bereits vor der Tür auf uns. Obwohl meine Wehen mittlerweile eine Stärke erreicht hatten, die mich zu Boden zwang, machte dieser Empfang unheimlich großen Eindruck auf mich. Alles war für uns vorbereitet, im Badezimmer hatte Marina Wasser in die Wanne eingelassen, überall brannten Teelichter, auf dem Tisch standen eine Flasche Wasser und Gläser. Die behagliche Atmosphäre des Zimmers hüllte mich ein wie ein warmer, schützender Mantel. Ich fühlte mich geradezu unglaublich fürsorglich aufgenommen.
Im Wasser konnte ich die Wehen besser aushalten, doch allmählich setzten sie mir wirklich sehr zu, insbesondere, weil ich die Geburt meines Sohnes immer noch im Kopf hatte und damit rechnete, diese wirklich heftigen Wehen noch viele Stunden aushalten zu müssen. Marina war mir in dieser Zeit eine große Hilfe. Immer wieder versicherte sie mir, dass die Geburt ganz normal und wunderbar laufe. Das beruhigte auch meinen Mann, der neben der Badewanne saß, meine Hand hielt und mir das Wasserglas reichte. Im Vorfeld hatte er gemeint, er wisse, dass sich der Muttermund zehn Zentimeter weit öffnen müsse und er mir dabei wohl nicht viel helfen könne, aber ich weiß nicht, wie ich es ohne ihn hätte schaffen sollen. Die Anwesenheit des Menschen, der mir am nächsten steht, dazu eine kompetente, warmherzige Hebamme, die mir immer wieder gut zusprach, das wirkte besser als jedes Schmerzmittel. Marina beobachtete mich genau und konnte den Fortgang der Geburt deshalb ohne weitere Untersuchung einschätzen. Als ich glaubte, die Wehen nicht mehr aushalten zu können, sagte sie, das Kind sei gleich da. Das konnte ich in diesem Moment kaum glauben, denn wir waren gerade erst eine Stunde im Geburtshaus, doch wenige Minuten später konnte ich meine Tochter aus dem Wasser heben. Niemals werde ich den Moment vergessen, in dem ich ihren warmen, lebendigen Körper mit meinen Händen umschloss. Sie schrie kaum, meckerte nur ein wenig und blickte uns aus ihren großen dunklen Augen ernst an.
Geburtstagsfeier in der Küche
Zweieinhalb Stunden später saßen wir in der Küche und feierten Linns Geburt mit Sekt und Spaghetti mit Tomatensoße. Die Geburt war so verlaufen, wie ich es mir immer gewünscht hatte, es mir aber nicht wirklich vorstellen konnte. Marina meinte gelassen: "Ich hab's dir doch gesagt. Bei uns ist so etwas normal."
Nach dem Essen legten wir uns noch eine Weile ins Bett. Wir waren so glücklich über unsere gesunde Tochter und mich erfreute ganz besonders der Gedanke, gleich mit meiner Familie nach Hause fahren zu können. Zwar fragte Marina uns, ob wir über Nacht bleiben wollten, doch das war nicht notwendig. Mit Linn war alles in Ordnung und auch mir ging es so gut, dass ich für einen Moment glaubte, zu träumen und gleich mit rundem Bauch wieder aufzuwachen. Ulrike meinte, dann hätten wir aber alle den gleichen Traum gehabt, was sie für sehr unwahrscheinlich halte. Ich hatte so gut wie keine Schmerzen und Marina versicherte mir, dass dies auch so bleiben würde. Und so fuhren wir nur sechseinhalb Stunden nach unserem Aufbruch zu Hause wieder zurück, unglaublich bereichert durch dieses neue Menschlein und die Erfahrung, es in Würde und Achtsamkeit zur Welt bringen zu dürfen.
Warum wir uns wieder so entscheiden würden
Würde und Achtsamkeit sind in der AnderWelt keine leeren Phrasen, sondern werden im Umgang mit den Schwangeren gelebt. Hier wollte mich niemand während einer Wehe untersuchen, die freie Wahl der Geburtsposition geschah ganz selbstverständlich und ich konnte sogar selbst bestimmen, wann ich bereit war, mich auf Geburtsverletzungen untersuchen zu lassen.
Das AnderWelt-Team besitzt die Kompetenz, den Dingen bei einer normalen Geburt ihren Lauf zu lassen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass etwas mit mir gemacht wird, sondern das Gefühl, dass etwas Großes mit mir geschieht und ich aufmerksam begleitet werde. Unsere Tochter wurde rücksichtsvoll empfangen, sie hatte überhaupt keinen Anlass, wie mein Sohn damals, in höchster Not mit rotem Kopf und geballten Fäustchen zu schreien. Alles verlief so friedlich und normal wie wir es uns immer gewünscht hatten. Solch ein Erlebnis wirkt lange nach. Dieses Mal konnte ich mein Kind wirklich genießen, denn meine Aufmerksamkeit war nicht auf Schmerzen gerichtet und ich musste die Geburt im Geiste nicht immer wieder durchgehen um zu verstehen, was da passiert war. Ganz im Gegenteil. Wenn ich an die Geburt unserer Tochter zurückdenke, überkommt mich ein warmes, angenehmes Gefühl. Ich sehe noch immer das für uns hergerichtete Badezimmer im warmen Kerzenlicht, höre Marinas beruhigende Stimme, spüre die Hand meines Mannes und meine neugeborene Tochter auf der Haut. Die Angst ist verschwunden, weil ich erfahren habe, dass ich aus eigener Kraft ein Kind zur Welt bringen kann.
Danke
Ein ganz herzliches Dankeschön möchten wir dem Team der AnderWelt aussprechen. Hier ist der Name Programm, denn bei euch läuft im positiven Sinne wirklich alles ganz anders als gewohnt. Achtsamkeit und würdevoller Umgang zeigen sich bei euch in jeder Handlung im Umgang mit Mutter und Kind. Angefangen beim Windlicht an der Tür über eure geduldige, kompetente Gelassenheit bis hin zur Geburtstagsfeier setzen sich die vielen Teilchen zu einem wertvollen Mosaik zusammen: Die Geburt unserer Tochter war ein großes Erlebnis, an das wir uns gern erinnern.
Linns Eltern


